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Recordings to celebrate the world of the oboe


Informationen zum Hören der CD „oboe +: Berio & beyond“
by Christopher Redgate
Aus dem Englischen von Ingeborg MÜLLER-LOGEMANN


oboe+ CD cover Ich möchte nun versuchen, die oben beschriebenen Gedanken auf die CD anzuwenden. Zunächst bin ich von der Qualität aller eingespielten Stücke fest überzeugt – das mag etwas plump klingen – aber sonst hätte ich sie nicht aufgenommen. Einige Werke sind relativ neu im Oboenrepertoire; die Stücke von Roger REDGATE und Michael FINNISSY sind nicht nur häufiger aufgeführt, sondern auch sehr gut angenommen worden. Sie haben, natürlich neben dem BERIO, dem Test der Zeit standgehalten. Im CD-Booklet weise ich auf einige zeitgenössischen Techniken hin, die in den Stücken angewendet werden. Das sind hilfreiche Hinweise für diejenigen, denen zeitgenössische Oboenmusik Neuland ist. Tatsächlich gebraucht man die meisten dieser Klänge schon während der letzten 50 Jahre – wir sollten wahrscheinlich damit aufhören, sie „zeitgenössische Techniken“ oder „Neue Klänge“ zu nennen. Sie sind in allen Werken dieser CD vorhanden, und was ich besonders mag, ist die Art, wie alle Komponisten sie in ihre kompositorische Sprache integriert haben und nicht als bloße Zirkuskunststücke herausstellen. Ich möchte in diesem Artikel auf Momente hinweisen, in denen die Komponisten die Klänge in einer besonders interessanten Weise verwenden.



Stilfragen

Photo of oboist Christopher Redgate
Die Musik auf der CD ist zeitgenössisch, doch die Komponisten präsentieren unterschiedliche Kompositionsweisen, so dass jede Musik ihren eigenen Charakter hat. Beim Betrachten der verschiedenen Stücke entdeckt man sogar große Stilunterschiede und Kompositionsansätze. Wenn Ihnen das CD-Booklet zugänglich ist (die deutsche Übersetzung ist in Arbeit und wird nach Angaben des Labels in Kürze auf der website www.oboeclassics.com erscheinen, vergleichen Sie den Textabschnitt über das FINNISSY-Stück mit dem der Michael YOUNG-Komposition, und Sie werden schnell verstehen, was ich meine. Ich empfehle nicht, sich alles auf einmal vorzunehmen. Mein Vorschlag zum Hören und Kennenlernen der Stücke wäre, folgende Reihenfolge zu wählen:

1. BERIOs Sequenza VII
2. The sting of the Bee
3. Argrophylax
4. Pavasiya
5. Ausgangspunkte
6. Recoil

Ich schlug vor, mit BERIO zu starten, obwohl es das letzte Stück auf der CD ist, und dies aus dem einfachen Grunde, weil es die älteste Komposition ist und schon beinahe als klassisch bezeichnet werden kann. Es dient als gute Einführung für die anderen Stücke; ein Vertrautsein mit diesem Werk hilft, die Türen zu den anderen zu öffnen. Weiter oben in diesem Artikel schlug ich vor, zunächst kleinere Abschnitte zu hören, um sich langsam in diese ungewohnte Musik einzuhören. Wenn ich auf die Stücke eingehe, mache ich Vorschläge für Abschnitte, mit denen Sie starten können und werde auch die Gründe hierfür angeben.


Die Werke – in der Reihenfolge der CD

„…sting of the bee…“

photo of oboist Christopher Redgate by Paul Medley Dies kurze Stück läßt den Ball rollen – es führt den Hörer in einige der interessanten Klänge auf der CD ein. Seit ich das Stück aufgenommen habe, erfuhr ich viele positive Reaktionen mit der Aufforderung, es in Konzerten und auf Festivals aufzuführen – es erweist sich als sehr populär! Weil das Werk viel Improvisation enthält, wird keine Aufführung gleich sein, obwohl der Verlauf und das Grundkonzept unverändert bleiben. Ein Rezensent bezeichnete das Stück als eine ‚komponierte Improvisation’. Ich würde sagen, es ist eine ‚improvisierte Komposition’. Ich weiß, das klingt ein wenig übertrieben, aber es existiert eine Menge Werke im klassischen Repertoire, die entweder den Titel ‚Improvisation‘ tragen oder deren Titel zumindest das Wort Improvisation enthalten, und so wollte ich den Unterschied ganz klar machen. Also, wenn ein Konzept im Kopf steht (Format), und ich viele Triller und Mehrklanggriffe überlegt habe (Struktur), ist das Werk im wahrsten Sinne improvisiert. In der derzeitigen klassischen Welt ist solche Improvisation noch relativ selten, obwohl Organisten das natürlich schon Generationen hindurch praktizieren. Der Background dieser Arbeit kommt hauptsächlich aus der Welt des Free Jazz. Viele Musiker arbeiten hier mit ausgedehnten, improvisierten Solos, oft auf einem sehr hohen Niveau, sowohl auf technischem als auch auf improvisatorischem Standard. Es ist übrigens lohnend, das Spiel solcher Musiker wie Anthony BRAXTON und Evan PARKER zu entdecken! Man fragt mich oft, worüber ich nachdenke, wenn ich in dieser Weise auftrete. Ich möchte zwei Antworten geben: zum einen sind es die gewohnten Themen, mit denen sich jeder Oboist auseinandersetzt: Klanggestaltung, technische Fertigkeiten, Intonation etc., zum anderen denke ich sehr stark an die Form des Werkes. In solchen Improvisationen ist es nicht ungewöhnlich, dass man etwas Neues entdeckt, indem man auf einen Klang, eine Phrase oder auf eine Struktur stößt, die dann die Möglichkeit gibt, einen Umweg zu machen, bis man zum zuvor gedachten Weg zurückkehrt. Ich glaube, der beste Ansatz wäre, das Werk als ein virtuoses Solostück, ähnlich wie die Paganini-Variationen oder eine CHOPIN-Etüde, aufzufassen und zu hören. Man kann auch seine Vorstellungskraft einsetzen und sich die Klangwelt als einen summenden Bienenstock vorstellen. Manche wählen diesen Weg (meine Frau übrigens auch), obwohl das ursprünglich nicht meinem Vorsatz entsprach, das klangliche Bild eines Bienenstocks herzustellen. Aber ich bin sehr damit einverstanden, wenn man in dieser Weise das Stück annimmt. Oboisten sind vielleicht an einigen technischen Einzelheiten interessiert. Das Stück basiert auf Doppeltrillern, aber es gibt auch Momente der höchsten Spannung, in denen vier oder fünf Triller gleichzeitig stattfinden. Manche Klänge in den Mehrklangabschnitten, in denen zwei oder drei Triller gleichzeitig erscheinen, werden durch starke Veränderung des Lippendrucks in andere Tonlagen verschoben. Während Sie das Stück kennenlernen, werden Sie bemerken, dass manche Tonhöhen wiederholt vorkommen, die die Konstruktion der Komposition untermalen, und dass eine Art Entwicklung stattfindet, bevor die Mehrklänge einsetzen. Der eine oder andere Musiker wird vielleicht überlegen, wie er mit demselben Material improvisieren würde.



„Ausgangspunkte“

In dieser Komposition gibt es viel zu entdecken! Die Eingangsideen ziehen sich in unterschiedlicher Verwendung durch das ganze Werk. Roger äußert sich darüber, dass die Entwicklung dieser Ideen zu extremer Virtuosität führt, und das ist sicherlich der Fall. Von 9 Minuten Spieldauer an geht das Stück seinem Höhepunkt entgegen, in dem es Idee für Idee aufgreift und dabei zahlreiche zeitgenössische Techniken benutzt. Der Höhepunkt des Werkes (nach 10 min und 8 sec) ist ein ausgezeichnetes Beispiel für das Zusammenwirken dieser Techniken. Das Aufbauen der Klänge, das immer mehr eine Art polyphone Struktur schafft (mehrere Vorgänge übereinander), das schnelle Wechseln der musikalischen Gedanken, die verschiedene Techniken beinhalten, dazwischen zunehmend Mehrklänge und dagegengesetzt Klänge mit regulären Tonhöhen. Diese Struktur wird auf dem Höhepunkt ein Spiel von Mehrklangtrillern, das sich von dem „normalen“ Klang der Oboe vollständig entfernt und einen polyphonen Höhepunkt schafft, bevor sich langsam alles dem Ende zu auflöst. Die Schlußmomente des Stücks stellen einen wundervollen Abbau des Werkes dar. Roger schrieb schon früher zwei Stücke für mich, eines noch zu Schulzeiten und das andere während der Studienjahre auf dem Royal College of Music. Beide hat er dann zurückgenommen, doch er konnte damit Erfahrung sammeln, um für die Oboe und vor allem für mich zu schreiben. Während er Ausgangspunkte komponierte, lebte er in Deutschland und faxte mir gelegentlich Teile des Werkes zu. Es gibt mehrere Stücke in meinem Repertoire, bei denen man höchst schwierige Techniken bewältigen muß, doch dieses übertrifft die Liste noch! Zur Zeit sind noch zwei andere Oboenwerke von ihm erhältlich: Esperon für Oboe und Schlagzeug und ein Quintett für Oboe und Streichquartett. Ich schlage vor, dass man zum Kennenlernen tatsächlich mit dem Anfangsteil beginnt, weil dort das ganze Material enthalten ist, auf dem das Stück aufgebaut ist. Der aufmerksame Hörer wird einige der Ideen wiedererkennen, wenn sie später im Stück erscheinen. Oboisten werden sich gern mit dem mittleren Teil beschäftigen, in dem die Oboe im sehr hohen Register spielt. Tatsächlich geht es bis zum sehr hohen d. Dies ist ein absichtliches Manöver des Komponisten – es ist wohl der entspannte Teil des Stückes, doch die ruhige Atmosphäre wird von der Spannung, die das extreme Register in der Musik schafft, untergraben.



„Argrophylax“

photo of Michael Young In diesem Werk verwendet auch Michael YOUNG eine große Anzahl zeitgenössischer Techniken. Die Mehrklänge werden als Effekt-Mittel eingesetzt, die Vierteltöne unterstützen die Schönheit der langsameren melodischen Linien, und die Verwendung der Doppelzunge erzeugt erstaunliche Energie zum Ende des Stückes hin. Michael YOUNG merkt an: obwohl es nicht Programm-Musik als solche sein sollte, tendiert das Werk dahin, starke Assoziationen hervorzurufen wie: Erschrecken und Überraschung, intensiv leuchtende Objekte, wirbelndes Wasser eines Flusses, unerträgliche Konfusion und Flucht. Ein Weg, das Stück kennenzulernen ist, der Vielfarbigkeit zuzuhören, auf die Form der Abschnitte zu achten und sich den Vorstellungen hinzugeben, die durch die Musik geweckt werden. Michael YOUNG weist auch darauf hin, dass er die heiklen und instabilen Spieltechniken nutzt, die der Spieler nicht immer kontrollieren kann. Das ist eine interessante Sache, und man kann sie heraushören. Es gibt tatsächlich Momente, in denen der Lippendruck auf dem Rohr sehr stark ist, und obwohl ich die betreffenden Griffe anwende, kommen nur vereinzelt Klänge aus dem Instrument, und die befinden sich jenseits meiner Kontrolle. Oboisten interessiert es vielleicht, dass an dem Schallbecher der Oboe ein Mikrofon vom Typ DPA 4061 angebracht ist. Ich benutze es, wenn ich mit dem Computer arbeite. Es ist leicht und klein – ich bemerke beim Spielen in der Tat nicht, dass es vorhanden ist – aber es reagiert empfindlich auf die vielfältigen Klänge, die die Oboe produzieren kann. Das Klappengeräusch wird z. B. sehr effektiv, wenn es verstärkt wird. Für die Aufnahme der CD haben wir es nicht benutzt, aber für live-Auftritte ist es ideal.



„Pavasiya“

Michael FINNISSY schrieb relativ viel für die Oboe und hat sie in seinen Kammermusikwerken oft verwendet. Einige seiner Kompositionen können auf verschiedenen Instrumenten aufgeführt werden, sind also nicht ausschließlich für die Oboe geschrieben. Runnin’ Wild und Moons Goin’ Down sind Stücke für Oboe solo, Dilok und Delal für Oboe und Schlagzeug und All Time Greatest Hits für Oboe und Ensemble. Pavasiya ist auf einer Anzahl kontrastierender Abschnitte aufgebaut und enthält einige sehr lange stille Momente, die eine wesentliche Rolle im Verlauf des Stückes spielen. Die Abschnitte kontrastieren nicht nur, es wird auch konstant von Oboe zu Oboe d‘amore gewechselt. Am Anfang des Werkes wird das Chaos heraufbeschworen, das der Schöpfung vorausgeht. Das sind fesselnde Momente, die durch Flatterzunge, schnelle Passagen und die ganze zur Verfügung stehende Tonskala das Chaos vermitteln. Der Schlußteil des Stückes wird bestimmt durch die zauberhafte Verwendung von Mehrklängen, die eine wunderbare Klangwelt schaffen.



„Recoil“

Recoil ist ein kraftvolles, energiegeladenes Stück. Die Dynamik ist durchweg stark, und das Werk läßt nicht für einen Moment an Intensität nach. Der einzige dynamische Abfall kurz vor Schluß erhöht die Spannung und führt mit den folgenden Crescendi zum abschließenden Höhepunkt. Sam HAYDEN führt die Oboe in eine Welt, die die meisten nicht mit ihr in Verbindung bringen würden. Er versteht es, durch den Einsatz von Mehrklängen und Flatterzunge, eine starke Atmosphäre zu schaffen, in der die Oboe alle ihre traditionellen pastoralen Qualitäten verliert. Als Spieler ist es immer aufregend, mit einem Komponisten zu arbeiten, der sich das Instrument neu vorstellen kann und eine andere Klangwelt entdeckt. Solche Herangehensweise kann helfen, das Instrument weiterzuentwickeln und sein Potential zu erweitern.



„Berio-Sequenza VII“

Dies ist das einzige Werk auf der CD, von dem es schon Einspielungen gibt. Ich habe es viele Male aufgeführt, seit ich es in den 70er Jahren kennengelernt hatte. Sequenza VII ist vielleicht das klassische Oboen-Solostück des 20. Jahrhunderts. Dies Werk sollte jedem Oboisten vertraut sein und Studenten mit Hochschulniveau sollten es studiert haben. Die Tonlagen sind sehr sorgfältig vom Komponisten gewählt, und der Höhepunkt des Stückes – klug bedacht – befindet sich im „angenehmen Bereich“. Obwohl dies vielleicht nicht klar hörbar ist, bin ich überzeugt, dass die sorgfältige Planung Teil des Charmes und des Erfolgs des Werkes ist. Denjenigen, die tiefer in die Materie eindringen möchten, empfehle ich die Oboe Sequenza-website: www.beriooboesequenza. Für das Einhören in diese ungewohnte Welt, meine ich, ist die Sequenza ein idealer Einstieg. Zeitlich gesehen ist es das älteste Stück auf der CD und bietet allgemein eine sehr gute Einführung in die Klangwelt des zeitgenössischen Repertoires und insbesondere dieser CD. Man muß sich vergegenwärtigen, dass zu dem Zeitpunkt der Entstehung des Werkes die Techniken und die Klangwelt, die sich daraus entwickelte, noch sehr neu waren. Die Verwendung des h als „tonisch“ – BERIO gebrauchte diese Bezeichnung in seinen eigenen Programmnotizen – ist heute legendär und wenn auch nicht so berühmt wie John CAGEs Silent Piece (4‘33“), so ist es wohl ein ebenso genialer Gedanke. Wenn Sie noch nicht das Glück hatten, die Partitur des Werkes zu sehen, können Sie vielleicht in einem guten Musikgeschäft oder in einer Bibliothek einen Blick darauf werfen (die Partitur ohne Taktbezeichnungen). Sie wird Ihnen die Augen öffnen. Ich persönlich finde diesen Notentext eine sehr inspirierende Sache, allein schon zum Angucken oder als Hilfe zum Verfolgen einer Aufführung. Ich schlage vor, dass man beim Hören auch wieder mit dem Anfang des Werkes beginnt. Die Einleitung zeigt eine Serie mit dem Ton h, welche eine spezielle Art melodischer Linie (= Klangfarbenmelodie) darstellt mit einem h-Klang im Hintergrund. Ich finde jedesmal den Wechsel von dieser Einton-Vielfarbenmelodie zu verschiedenen anderen Tonhöhen umwerfend! Der letzte Abschnitt des Werkes (nach ca. 6 Minuten) ist ein langsames Auslaufenlassen des Stückes, eine Art Ruhe nach dem Sturm.



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